Kritik Konzert Hemsbach

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  • 20. Oktober 2021

19.10.2021

Auf intensiver Suche nach neuen Klangräumen Konzert: Johannes Tonio Kreusch, Claus Boesser-Ferrari und Heiko Plank sorgen für einen nicht alltäglichen Saitenabend in der Bonhoeffer-Kirche Hemsbach. Johannes Tonio Kreusch, Claus Boesser-Ferrari und Heiko Plank – drei Namen, die für virtuose Gitarrenmusik stehen, die unterschiedlicher kaum sein kann. Dennoch eint die drei Künstler die Suche nach dem perfekten Klang und nach neuen musikalischen Ausdrucksformen. Ein Konzert mit allen dreien Musikern ist ein Glücksgriff für das Publikum, ein Klang-Abenteuer. Und wenn am Ende die drei Solisten gemeinsam auf der Bühne stehen, dann passiert, was man sich vorher kaum vorstellen kann: Jeder spielt seins, setzt eigene Akzente, doch am Ende ist es ein harmonisches Ganzes.


Hermann Hesse auf der Spur
Die Zuschauer in der Bonhoeffer-Kirche kamen am Sonntagabend auf ihre Kosten. Das Klangerlebnis der besonderen Art ließ Johannes Tonio Kreusch schon vor dem Eintritt in den Kirchenraum beginnen. Spielend begab er sich zu seinem Platz. „Wir alle suchen auf unserem Instrument einen neuen Klang“, so Kreusch. So wie er auf der Suche nach neuen Klangräumen ist, ist Hermann Hesses Romanfigur „Siddhartha“ auf der Suche nach dem „All-Einen“, das in jedem Menschen ist, auf der Suche nach sich selbst. Dem Werk hat Kreusch eine Suite gewidmet, aus der er Auszüge spielte.
Die musikalische Hesse-Hommage will die verschiedenen Stimmungen des Werkes widerspiegeln. Dafür, so erläutert der Musiker und Komponist verständlich das Technische, werde die Gitarre für jedes Stück anders gestimmt. „Die Gitarristen stimmen ihr halbes Leben, die andere Hälfte spielen sie verstimmt“, hat Kreusch mit einem Musikerspruch die Lacher auf seiner Seite. Mal ist es ein abgeschnittener Bleistift, mal eine Büroklammer, die der Gitarrist zwischen die Saiten steckt. Das Ergebnis: Überraschende Klänge, die das Publikum dennoch harmonisch mitnehmen. Nichts, was verstört. Die Büroklammer sorgt für einen ganz besonderen Klang: Ein bisschen scheppernd vibrierend, die Gitarre wird zum fremdländischen Instrument – zur Sitar? Kaum ist das kleine Stück Metall entfernt, wandelt sich das Gespielte in eine harmonische Melodie voller Gefühl und Wärme. Der kreative Mix aus auskomponierten Abschnitten und improvisierten Passagen verzaubert.


Hendrix-Interpretationen
Einen musikalischen Kontrapunkt setzte Lokalmatador Claus Boesser-Ferrari, der seine CD „The Wind Cries Mary“ vorstellte. „Es ist ja unglaublich, wie lange wir uns nicht gesehen haben“, spielte er auf die Corona-Zeit an, die insbesondere für Künstler mit vielen Entbehrungen einherging. Boesser-Ferrari hat sich die Songs von Jimi Hendrix zur Brust genommen, sich inspirieren lassen. „Ich weiß nicht, ob man sie wiedererkennt“, sagt er, bevor er seinem Instrument nahezu sphärische Klänge entlockt. Im Gegensatz zu Kreuschs Akustik-Gitarre ist hier Wumms und Drive drin. Es wird zunehmend rockiger. Immer wieder meint man, den einen oder anderen Hendrix-Titel zu erkennen – „Hey Joe“ und „Third Stone From The Sun“ beispielsweise. Doch Boesser-Ferrari setzt dem eigentlich unverwechselbaren psychedelischen Hendrix-Klang seinen ganz persönlichen Stempel auf. Aufregend, aus einem Guss, mitreißend. Stillsitzen? Schwierig.


Wer dachte, verrückter – im positiven Sinne des Wortes – kann es nicht werden, der wurde beim Auftritt von Heiko Plank eines Besseren belehrt. Der begeisterte nicht nur mit seiner Musik, er präsentierte auch seine „plank“, seine Gitarre Marke Eigenbau mit acht Seiten. Die normale Gitarre genügt ihm schon lange nicht mehr, begrenzt ihn zu sehr. Kaum Korpus, ganz viel Brett – so kann man das außergewöhnliche Instrument wohl am einfachsten beschreiben. „Ich hoffe, Herr Bach wird mir das verzeihen“, scherzt der Künstler nach seiner ganz eigenen Interpretation eines Bach-Stücks. Neo-barocke Improvisationskunst vom Feinsten, die Johann Sebastian sicher auch gefallen hätte.
Weil Musiker aus bekannten Gründen „2020 ein bisschen mehr Zeit hatten“, wie auch Plank die Pandemie ansprach, hat er eine Auftragsarbeit angenommen und für die Bundeskulturstiftung „Parallax – Accouso Deum“ komponiert. Einen Ausschnitt daraus präsentierte er dem Hemsbacher Publikum. Dass das 120 Mann starke Orchester dabei freilich nur aus „dieser kleinen Schachtel“ (Plank) kam, tat der Faszination des Klangerlebnisses keinen Abbruch. Orchestrale Sequenzen wechselten ab mit Plank’schen Soloparts – ins Ohr gehend, anders, großartig. Kein Wunder, dass der Musiker auf einem ungarischen Festival zu einem der „außergewöhnlichsten Gitarristen der Welt“ gekürt wurde.


„Viel Spaß und gute Nerven“
Nach zweieinhalb Stunden kam es, wie es kommen musste und sollte: Beim großen Finale spielten die drei Musiker gemeinsam. „Wir wissen natürlich nicht, was jetzt passiert. Wir lassen uns aufeinander ein“, kündigte Plank das Kommende an. Und Boesser-Ferrari wünschte „viel Spaß und gute Nerven“. Doch Letztere brauchte man nun wirklich nicht: Das spannende improvisierte Zusammenspiel der drei so unterschiedlichen Gitarren-Virtuosen ergab ein mitreißendes Ganzes. Jeder spielte bei der Session einmal die Leadgitarre, die anderen ließen sich ein, folgten, veränderten und übernahmen schließlich. Hätte man es nicht anders gewusst, man hätte meinen können, dieser Darbietung seien stundenlange gemeinsame Proben vorangegangen. Das Schöne an der Musik von Kreusch, Boesser-Ferrari und Plank: Sie sprach wohl jeden im Raum an: diejenigen, die mit ganz viel Sachverstand und Hintergrundwissen im Gepäck gekommen waren ebenso wie auch die, die einfach nur hören und fühlen wollten. awa

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